Rüdiger Rossig
Journalist

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aktuell
berichte
publikation: taz, die tageszeitung   
13.01.2012

Die verbotene Medizin

Hanf ist nicht nur ein Rauschmittel, sondern hilft bei Schmerzen, Asthma und selbst beim Drogenausstieg

Cannabis hat auch erhebliche medizinische Potenziale:  Schmerzbekämpfung: Der in Cannabis enthaltene Wirkstoff THC erwies sich in Studien als gut wirksam bei Schmerzen von Krebspatienten. Cannabisprodukte können offenbar die Wirkung von Opiaten potenzieren. So wurde in mehreren kontrollierten Studien erwiesen, dass die Opiatdosis bei Schmerzpatienten deutlich reduziert werden kann, wenn zuvor THC gegeben wurde. Weitere Indikationen sind neben Kopf- und Phantomschmerzen alle Schmerzerkrankungen, bei denen eine Entspannung der Muskulatur günstig wirkt, wie schmerzhafte Spasmen und schmerzhafte Menstruation.

Appetitlosigkeit und Übelkeit: Aids- und Chemotherapiepatienten verlieren wegen Appetitlosigkeit und Übelkeit oft in kurzer Zeit schnell an Gewicht. Patienten berichteten, dass sie nach Einnahme von Cannabis wieder Appetit verspürten, Mahlzeiten zu sich nahmen und diese auch bei sich behielten. THC ist ein Anti-Emetikum (Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen). In den USA ist THC in dieser Funktion bereits seit 1985 von der Food and Drug Administration (FDA) zugelassen.

Asthma: Cannabis hat eine stark bronchienerweiternde Wirkung. Die Wirkungen einer Marihuanazigarette beziehungsweise von 15 Milligramm oralem THC entsprechen hinsichtlich der bronchienerweiternden Wirkung etwa den klinischen Dosen bekannter Asthmamittel.

Depression: Bei reaktiven Depressionen wurde wiederholt eine stimmungsaufhellende Wirkung von THC beziehungsweise Cannabis beobachtet. Patientenberichten zufolge wird Hanf in der modernen Volksmedizin auch bei endogenen Depressionen eingesetzt.

Entzugssymptome: Nach historischen Berichten und einigen Fallberichten ist Cannabis ein gutes Mittel zur Bekämpfung der Entzugssymptomatik bei Benzodiazepin-, Opiat- und Alkoholabhängigkeit. Es wird daher auch gern als Ausstiegsdroge bezeichnet.

Spastik: In einigen Studien wurde eine gute Beeinflussung der Spastik im Rahmen der Multiplen Sklerose oder Querschnittserkrankungen durch THC beobachtet. Weitere günstig beeinflusste Symptome umfassten Schmerzzustände, Missempfindungen, Zittern sowie Koordinationsstörungen der Muskulatur. Patienten berichteten wiederholt auch von einer verbesserten Kontrolle der Blasen- und Mastdarmfunktion. RR/HG

taz, die tageszeitung

 
musik-kritiken
publikation: taz, die tageszeitung   
13.01.2012

Dub-Linke aus Bosnien

Beim Stichwort Balkan denkt man heute an südosteuropäische Volksmusik, Roma-Bläserorchester und orientalischen Pop. Dabei war das sozialistische Jugoslawien in den 1980ern für seine erstklassige Rock-, Punk- und New-Wave Szene bekannt.

Rock war der totale Kontrapunkt zum Nationalismus: urbane, moderne, internationale Musik - im Gegensatz zum lokalen, reaktionären, lokalen Sound der Dörfer. Darauf waren die Rocker stolz. Als die Megaband Bijelo Dugme (Weißer Punkt) in den 1970ern Folkelemente ins Repertoire aufnahm, wurde Bandleader Goran Bregovic vorgeworfen, sich den "Primitiven" an die Brust zu werfen.

Dementsprechend legten Flüchtlings-Soundsystems wie Balkan Beats in den 1990ern bei Jugo-Partys ganz bewusst Rock auf - und eben nicht Folklore, die Musik der "Dörfler" und Nationalisten, mit denen das dem Krieg entkommene Publikum nichts zu tun haben wollte. Als der wichtigste Berliner Balkan-DJ Robert Soko später begann, auch Zigeunerlieder aufzulegen, warfen ihm viele alte Fans Verrat an der reinen Lehre vor.

Dubioza Kolektiv, die morgen bei Balkan Beats im Lido spielen, passen zu DJ Soko wie Hammer zu Sichel: Die Band, 2002 von Musikern von Gluho doba Against Def Age (Taubes Zeitalter gegen taubes Zeitalter) aus Zenica und Ornamenti aus Sarajevo gegründet - Letztere begeisterten die Berliner bereits 2001 beim legendären Balkan Black Box Festival -, lag soundmäßig lange zwischen Rage Against the Machine und Seeed. Erst seit Neuestem fügen die sieben Bosnier ihrer Musik einen Schuss Balkan hinzu.

Das gefiel Ex-Faith-No-More-Basser Billy Gould so gut, dass er die neueste Dubioza-CD auf seinem Label "Koolarrows Records" herausbrachte. Dafür, dass der Balkananteil nicht in Pflaumenschnaps, Herzschmerz und Gläserschmeißen endet, sorgen neben rockigen Gitarrenriffs, fetten Bässen und einem satten Drumsound vor allem die hoch politischen Texte. Die Bosnier machen keinen Hehl daraus, dass sie als Linke in einer verarmten Nachkriegsgesellschaft am Rande Europas aufgewachsen sind. Ihre Botschaft heißt: soziale Gerechtigkeit. Ihre Forderung: Integration ihrer europäischen Heimat in die EU.

Wie die Band dieses Thema angeht, kann das hiesige Publikum sogar teilweise verstehen. Dubioza Kolektiv hatten von Anfang an zu viel zu sagen, um nur in ihrer Sprache zu singen. Ihr erster Text war lokalsprachlich, dann folgten drei Alben auf Englisch, dann zwei auf Bosnisch und jetzt eins auf Englisch, auf dem auch Bosnisch gesungen wird. Also: Beim Tanzen die Ohren aufhalten! RR

Dubioza Kolektiv: Lido, Cuvrystr. 7, Samstag 14.01.2012, 22 Uhr, 16 €

taz, die tageszeitung

 
meinung
publikation: taz, die tageszeitung   
31.12.2011

Es stinkt nach 19. Jahrhundert

Wenn die Nationalisten marschieren, reicht Ekel allein nicht aus | Von Rüdiger Rossig

"Muss Europa deutsch werden?" Die Frage macht mich schaudern. Sie mieft nach "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen". Der Satz wird meist Wilhelm Zwo zugeschrieben, der den 1. Weltkrieg auslöste. Bilanz: mindestens 14 Millionen Tote.

Tatsächlich schrieb die Zeile der Dichter Emanuel Geibel (1815-1884), als Spätromantiker ein Vertreter des deutschen Pendants zum "Empire Spirit" - der Ideologie, mit der Englands Oberschicht ihre Herrschaft über das britische Weltreich begründete. Die Frage "Muss Europa deutsch werden?" stinkt also nicht nur nach Nationalismus und 19. Jahrhundert. Sie stammt aus ebendieser Mottenkiste.

Daher weht der Wind derzeit auch bei einigen zeitgenössischen Politikern. CDU-Fraktionschef Volker Kauder meint zwar nur, in Europa würde jetzt "deutsch gesprochen". Angesichts der intellektuellen Schlichtheit der Metapher - es ging um die Durchsetzung von Merkels Sparpolitik - möchte man sich eigentlich beschämt abwenden und das Ganze vergessen. Wäre da nicht der Applaus der Öffentlichkeit.

In Krisenzeiten bröckelt beim modernen Menschen das Selbstbewusstsein. An seine Stelle tritt Angst vor sozialem Ausschluss. Um dem zu entgehen, ziehen sich Viele auf ihre Nationalität zurück. Gebildete Menschen finden das lächerlich - so wie die kritischen Intellektuellen im Jugoslawien der späten 1980er. Angesichts des aufkommenden Nationalismus wanden sich die Meisten angeekelt ab, statt die Nationalisten zu bekämpfen. Bilanz: mindestens 120.000 Tote.

Dieser Verlauf ist kein balkanisches Spezifikum. Sondern eine Wiederholung der Geschichte Europas en miniature. Es ist also keine Überreaktion, wenn es mich bei "Muss Europa deutsch werden?" schaudert. Jeder Europäer sollte beginnen, seine Koffer zu packen, wenn nationale Fragen gestellt werden. Wir wissen aus Erfahrung, wohin das führt.

taz, die tageszeitung

 
andere über mich
publikation: HRT3   
24.12.2011

Die versteckte Seite des Tages

Der kroatische Journalist Jerko Bakotin im Gespräch mit Rüdiger Rossig über (Ex-)Jugoslawien in den 1980ern im Krieg und danach unter besonderer Beachtung der lokalen Rockszene

HRT3